»DJ Spin-O über ihre Musik und die dadurch entstandene Theaterempörung
Ein Sturm kann gar nicht freundlich sein!
Es war unflätige, empörte Aggression, die Alexandra Holtsch vor vier Wochen bei der Premiere von Shakespeares „Der Sturm“ im Orchestergraben des Linzer Landestheaters in den Rücken fiel. Wenn sie es krass ausdrücken will, muss sie ihr damaliges Empfinden in ein alltägliches fäkales Wort kleiden.
Als DJ Spin-O macht die Wahlberlinerin mit zwei Plattenspielern und einem Mischpult die Musik zu dem Stück. „Ich hatte das Gefühl, die stehen auf und fangen an zu randalieren. Ich war sehr verblüfft, denn eigentlich sind das ja erwachsene Menschen“, erinnert sich die ausgebildete Gitarristin und Sängerin, die seit vier Jahren eben auch an Plattentellern hantiert.
Der Sturm der Entrüstung entzündete sich an nicht einmal 45 lauten Sekunden, an einer in die Stilschublade „Terrorstep-Drum‘n‘Bass“ gehörende Komposition mit dem treffenden Titel „global disorder“. Damit stellt sie den Sturm dar, den auch der alte Shakespear mit „tosender Lärm, Donner und Blitze“ charakterisierte. „Ein Sturm, der kann nicht freundlich sein“, steht Holtsch im OÖN-Gespräch zu ihrer Vertonung. Das habe nichts mit spekulativer Provokation, hirnloser Musikauswahl oder Quälerei der Schauspieler zu tun. „Ich finde doch nicht Lust daran, der Musik etwas untertan zu machen. Im Gegenteil: Ich arbeite im Dialog mit den Schauspielern, der Regie.“ In der Musik findet sich auch viel unterstützendes Zartes, softer HipHop, instrumentale Rohlinge, Drum’n’Bass-Spielarten - ausgesucht nach den Charakteren, die die Szene betreten.
Der Unmut, betreibt Holtsch Ursachenforschung, mag daher rühren, dass das „Musik ist, die das Theaterpublikum nicht gewöhnt ist. Natürlich ist da eine Kluft - vielleicht auch deshalb, weil sich die Generationen nicht mehr so einander nähern“.
Bei ihrer Arbeit erachtet sie es als wichtig, „dass ich in einem Stück, das 400 Jahre alt ist, eine Ebene mit einem Bezug zu heute finde. Und Musik ist etwas, das sehr direkt spricht, das geht ohne Umweg direkt ins Gemüt - wie man ja sehen konnte.“
DJ Spin-O gibt gerne zu, dass sie schon „ein bisschen die Minderheit“ sucht oder das, „was nicht hoffähig ist oder ein Gegenüber zu dem herstellt, was seit 400 Jahren inszeniert wird“. Sie möchte da schon einen neuen Aspekt sehen und „das möchte auch Dagmar Schlingmann“. „Der Sturm“ ist bereits ihre 15. gemeinsame Inszenierung. „Ich möchte lebendiges Theater, über das man nachdenken kann, wo man etwas erlebt, das man sonst nicht erlebt. (…)«
Oberösterreichische Nachrichten
Inszenierung: Dagmar Schlingmann | Musik: Alexandra Holtsch
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